Montag, 16. Juni 2008
An dem Tag, an dem alles so harmlos und unscheinbar begann, befand ich mich in vielerlei Hinsicht zwischen den Welten. Das Gefühl, seit einigen Wochen verheiratet zu sein, war irgendwo zwischen Gewohnt und Neu. Mein Name hatte sich nicht verändert und mein Leben eigentlich genauso wenig. Unsere Beziehung wurde immer besser und die Liebe zwischen uns war groß, also war die Hochzeit, die ja so lange geplant war wie sonst nur die, die in Königshäusern abgehalten werden, eine logische Konsequenz. Die Flitterwochen auf Hawaii waren wunderschön gewesen und die Erinnerungen daran noch sehr viel frischer als die längst abgeklungene Bräune.

Die Reise hatte ein Projekt beendet, das mich fast zwei Jahre lang in Anspruch genommen hatte. Ich war durchaus nicht sauer darüber, der Job dort war Alltag geworden. Ich hatte teilweise vor dreißig, vierzig Zuhörern doziert und dabei über Einkaufslisten nachgedacht oder was ich abends im Hotel machen werde. Ich war gut, sehr gut sogar, aber ich war nicht mehr bei der Sache. Da passte nicht nur eine Pause hervorragend, sondern auch die neue Aufgabe, die sich mir bot - ein Projekt in Nizza, mit völlig neuen Parametern, aber genau den Anwendungsgebieten, die ich sprichwörtlich jahrelang in andere Köpfe gepaukt hatte. Ich brauchte nur noch ein paar Wochen zu überbrücken.

So richtig zu tun gab es im Büro eigentlich nichts. Ich musste mich nicht vorbereiten, ich musste nichts mehr nacharbeiten. Ich brachte mir Dinge bei, die ich damals noch nicht beherrschte, machte Exkurse in Programmiersprachen, lernte bessere Webseiten zu erstellen als die hakeligen, irgendwie unrund wirkenden Exemplare, die ich bisher gebastelt hatte. Ich installierte meinen favorisierten Shooter auf dem PC neben mir und übte das, was ich mit meinen Freunden nachts und an Wochenenden spielte. Ein eigentlich kleiner Teil meiner Kumpel zockte tagein, tagaus und ich hatte mich anstecken lassen. Anders als sie war ich aber längst kein Student mehr, kein Arbeitsloser, der eh nichts besseres vorhatte, kein Single, der niemanden hatte, den er durch das Spielen vernachlässigen würde.

Ich chattete mit eben diesen Freunden, die ebenfalls in ihren Büros, zuhause oder an Unis saßen. Überall lief ICQ - ein Programm, das damals noch wirklich neu war und außerhalb der Spieler-Szene kaum jemand kannte. Das, was bisher nur an Wochenenden oder den wenigen Abenden lief, die ich zuhause verbringen konnte, dehnte sich plötzlich auf die Tage aus und wurde zu einer Sucht. Heutzutage ist das durchaus anerkannt, damals wusste ich selbst nicht damit umzugehen. Ich war Ende Zwanzig.

So schufen mein Job, meine Beziehung, das noch glitzernd-neue Internet mit seinen Möglichkeiten und die an sich freie Zeit, die ich im Büro verbrachte, den Hintergrund für die kommenden Monate.

"Hallo", schrieb sie, "wer bistn du?"